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15th May 2008 Die Zeit 

¨Kunst ist ein Neuronenfeuer¨ (Read article as PDF)

Das Schöne? Auch nur Biologie, sagen die Hirnforscher. Künstlerische Freiheit halten sie für eine Illusion Die gute alte Aufklärung, darauf haben wir uns verständigt, ist tot. Wir wissen, was wir wissen müssen, und mehr muss es nicht sein. Doch wenn nicht alles täuscht, dann sind die Aufklärer längst zurück. Sie tragen keine Fackel und wollen die Welt nicht verbessern. Dennoch sind sie von einer Radikalität, die schüchternen Zeitgenossen den Atem verschlägt.

Besser bekannt sind die neuen “Aufklärer” unter dem Namen “Hirnforscher”. Sie glauben, das Geheimnis unseres Bewusstseins entschlüsseln zu können, und wollen uns darüber aufklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wenn nicht heute, dann morgen.

Wer gehofft hatte, es gebe ein paar Inseln, die von ihrem Eroberungsdrang verschont würden, sozusagen uneinnehmbare Zonen des Menschlichen, der wird enttäuscht. Es gibt sie nicht. Inzwischen haben die Hirnforscher sogar einen neuen Archipel des Unwissens entdeckt und dort ihre Fahne gehisst: das Reich der Kunst. Auch auf diesem Gebiet, sagen sie, wimmele es von schrecklichen Irrtümern und trüben Illusionen. Abendländische Menschen glaubten immer noch, ein Kunstwerk verdanke sich der künstlerischen Freiheit, dem autonomen Geist des Artisten.

Über diese Selbsttäuschungen kann ein Hirnforscher nur milde lächeln. Für so etwas Altertümliches wie “Geist” oder “Freiheit”, sagt er, ist im geschlossenen Kreislauf der Natur kein Platz. In Wirklichkeit folge die Kunst biologischen Mustern, und wer das Ästhetische nicht von diesen natürlichen Grundlagen her verstehe, der habe gar nichts verstanden. Um das zu beweisen, haben Wissenschaftler einen von Rattenneuronen gesteuerten Roboterarm entwickelt. Sobald die Tier-Maschine visuelle Reize empfängt, kritzelt der Arm abstrakte Figuren auf ein Blatt Papier. Wie ein echter Künstler, ruft man entzückt.

Das Gehirn kennt die harmonischen Proportionen

Die Begeisterung hält an. In Berlin hat sich jüngst eine europäische “Assoziation für Neuro-Ästhetik” gegründet, die Kunst und Hirnforschung zusammenführen, und, man staune: “eine gemeinsame Sprache entwickeln will”. In dem Künstler Olafur Eliasson hat man einen prominenten Lotsen mit an Bord genommen; zwei Altmeister der Forschung, Ernst Pöppel und Semir Zeki, stehen Pate.

Wie es sich gehört, brachte jeder Gast zur Gründungsfeier in der Charité ein Geschenk mit, und die schönste Gabe überreichte der charmante Ernst Pöppel. Der Münchner Hirnforscher schenkte dem Publikum die erlösende Einsicht, das Hirn wisse am besten, was in der Kunst richtig und was falsch sei. Wird zum Beispiel eine Stelle aus Wagners Fliegendem Holländer zu schnell oder zu langsam gespielt, dann fällt das Hirn in Missstimmung, und seine Neuronen flackern nur müde vor sich hin. Wird hingegen das Tempo exakt getroffen, dankt es mit fröhlichem Leuchtfeuer. Ähnlich verlaufen die Erregungskaskaden, sobald ein Kunstliebhaber eine Skulptur mit harmonischen Proportionen zu Gesicht bekommt. Die Neuronen jauchzen, dass es eine Freude ist.

Die Hirnforschung und ihre Unterabteilung, die neuronale Ästhetik, haben noch mehr Pfeile im Köcher. Genussvoll klären sie darüber auf, dass die optimale Aufmerksamkeitsspanne im Hirn nur drei Sekunden beträgt, was der Länge einer klassischen Gedichtzeile entspricht. Dichter und Komponisten müssen dieses Zeitfenster genau treffen, denn danach senkt sich der zerebrale Vorhang wieder. Zu Ende gedacht, hieße dies: Ein Gedicht, dessen Zeilen länger sind, als das Hirn erlaubt, ist unnütz am Leser vorbeigereimt. Neuronentechnisch gesehen, übertritt ein Hexameter die naturale Norm. Mag er auch interessant sein – schön im Sinne des Hirns ist er nicht.

Es gibt noch einen anderen Beweis dafür, dass wir dem bioästhetischen Urteil der Natur blindlings vertrauen dürfen. Physiologisch gesehen, fokussiert das Hirn unsere Wahrnehmung nämlich gern links vom Mittelpunkt eines Bildes. Und tatsächlich – auf einigen berühmten Gemälden, zum Beispiel bei Goya, Miró oder Ingres, befindet sich das Bildzentrum genau an der vom Hirn geliebten Stelle. Was Hirnforscher heute entdecken, sagt Ernst Pöppel, das wusste die Kunst schon immer.

Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn in ihm steckt eine wilde Spekulation. Wenn Pöppel recht hat; wenn die Kunst seit Menschengedenken nichts anders tut, als die innerste Grammatik des Hirns auszumalen – dann ist die Kunstgeschichte das aufgeschlagene Buch aller Hirnfunktionen, sozusagen das Museum seiner Tricks und Typen, seiner Muster und Meriten. Aber damit nicht genug. Wer dieses Museum betritt, der macht noch eine zweite Entdeckung: Er erkennt, dass sein kleines Ego-Hirn Bestandteil eines Großen und Ganzen ist – eben Teil des großen kosmischen Welthirns, eine “Sonderung” der Evolution, eine Ausfaltung des “Lebens”. Die Pointe liegt auf der Hand. Während sich das kleine Hirn im großen Welthirn denkt, denkt sich das Große im Kleinen. Im Zauberspiegel der Kunst, durch unsere Augen, setzt sich das Welthirn selbst ins Bild. Es schaut sich bei der Arbeit zu und betrachtet sein Werk mit Wohlgefallen.

Kein Zweifel, in solchen Spekulationen sind Reste der alten theologischen Kunstlehre noch mit bloßem Auge zu erkennen. Für diese Lehre war der Künstler ein himmlisches Genie, das verzweifelten Seelen die Güte der Schöpfung vor Augen führt. “Und siehe, es ist gut.” Nicht viel anders sagen es die Priester der Neuroästhetik. Zwar sprechen sie nicht mehr von “Schöpfung”, sondern von Evolution, aber auch sie weisen dem Künstler eine sinnstiftende Aufgabe zu: Tatkräftig soll er helfen, einen Geburtsfehler des Menschen zu kurieren, einen gefährlichen Mangel. Denn während ein Tier sich instinktiv in der Welt zurechtfinde, benötige der Mensch sinnstiftende Bilder – er braucht eine Sternenkarte, auf der seine Wege verzeichnet sind und die ihm zeigt, dass er mitten im “Leben” steht. Ohne Sinnstiftung ereile ihn die Panik, und dann erscheine dem Mängelwesen die Evolution als blindes Chaos, als Wechsel aus Fressen und Gefressenwerden. Gut ist das nicht.

Langsam ahnt man, was Neuroästhetiker von der Kunst erwarten. Weil sie die Grundvariationen unserer Hirnnatur codiert, mehr noch: Weil sie – wie Shakespeare – das Panorama menschlicher Leidenschaften ausbuchstabiert (Semir Zeki), soll die Kunst den von Weltangst bedrohten Betrachter zurück “ins Leben” stellen. Mit einem Wort: Die Kunst arbeitet im Auftrag der Evolution. Sie spielt dem Einzelnen die Sinfonie des Lebens vor, seine Typen und Gestalten, seine Muster und Module. Mit dem alten, dem kritischen Zeitalter hat diese Kunst nichts mehr zu schaffen, im Gegenteil. Die Kunst der Neuroästhetik versöhnt sich mit den “Strömen des Lebens”.

Künstler füllen eine Sinnlücke im geschlossenen Kreislauf der Natur

Gewiss, das ist von ergreifender Schlichtheit und kaum anderes als die weltliche Coverversion der alten theologischen Kunstlehre. Dennoch ist die vage Botschaft, Kunst enthalte “Lebenswissen”, für viele faszinierend. Wie eine Debatte in der Zeitschrift lendemains zeigt, ziehen biowissenschaftliche Erkenntnisse auch Literaturwissenschaftler in den Bann und versprechen neuen Schwung für ein altes Fach.

Was also ist an der Neuroästhetik auszusetzen? Zunächst: Hirnforscher, die komplizierte Einsichten über die Physiologie der Wahrnehmung gewonnen haben und uns eindrucksvoll demonstrieren, wie sehr wir doch Naturwesen sind, neigen im entscheidenden Augenblick zu grober Vereinfachung. Sie entdecken auf einem Gemälde von Goya ein, zwei hirntypische Gepflogenheiten – und sehen darin schon die Wahrheit des Bildes. Doch aus einem biologischen Muster ergibt sich keine ästhetische Aussage. Sonderbar ist auch der Glaube, man könne aus einem Reiz-Reaktions-Schema eine Regelpoetik ableiten und festlegen, welche Kunst schön ist – und welche nicht.

Am Ende steckt in dem Versuch, ästhetische Wahrheit mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu definieren, ein krudes Nützlichkeitsdenken. Demnach erfüllt die Kunst einen evolutionären Zweck und hilft dabei, unser Dasein sinnstiftend zu optimieren. Das wär’s dann auch. Für das Geschichtliche ist darin ebenso wenig Platz wie für die Idee, Kunst enthalte Bilder und Metaphern, in deren Licht wir unsere Freiheit deuten. Für den Hirnforscher ist dieser Gedanke schon deshalb absurd, weil diese Freiheit gar nicht existiert. Unfreundlich gesagt: Die neuronale Ästhetik betrachtet die Kunst als Aussöhnungsagentur für das evolutionär Unvermeidliche. Sie soll die Ströme des “Lebens” nicht kritisch unterbrechen, sondern in Gang halten. “Alles bleibt gut.”

Dieser Funktionalismus spricht heute vielen aus der Seele, denn er macht die Welt einfacher, als sie ist. Er passt auch zu dem weitverbreiteten Gefühl, der Fortschritt sei an sein Ende gelangt und nun müsse man nur noch die Bestände sichern. In dieser Lage braucht man die reflexive, die schwierige und unausdeutbare Kunst nicht mehr, erst recht keine, die “die Nachtseiten der Kultur und die Schattenseiten der Gesellschaft erkundet” (der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal). Es reicht völlig, wenn Künstler unser Gegenwartsgefühl, unsere “Präsenz” steigern, wenn sie eine Sinnlücke füllen und uns beim evolutionären Anpassungszwang behilflich sind.

Neuerdings macht eine Neuroökonomie von sich reden, die zusammen mit Marketingunternehmen herausfinden will, wie Werbung optimal im Hirn platziert werden kann. “Brain-Branding” nennt sich das Verfahren entwaffnend ehrlich. Überflüssig zu sagen, was beim Einbrennen von Reklamelogos ins Hirn besonders zweckdienlich ist: die Kunst.

(Thomas Assheuer)